Flakhelfer am 26.11.1944 – Die Kriegserinnerungen des Herrn Aue

Ein Gespräch mit Herrn Aue am 09.07.2020

Herr Aue, Jahrgang 1929, hatte sich im Sommer 2020 auf einen Zeitungsartikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung über die „Ark Angel“ gemeldet. Er war sich in einem Vorgespräch mit uns sicher, am 26.11.1944 auf die Bomberverbände, zu der die „Ark Angel“ gehörte, als Flakhelfer bei der Abwehr des Angriffs dabei gewesen zu sein. Aus diesem Grund möchte ich seine Geschichte hier erzählen.

Zusammen mit Kim Gallop war ich bei Herrn und Frau Aue zu Gast und wir hatten die Gelegenheit, in zu seinen Kriegserlebnissen zu befragen. Es war ein langes und intensives Gespräch, in dem uns Herr Aue über sein Leben erzählte. Für diesen Beitrag habe ich versucht, seine Erlebnisse prägnant zusammenzufassen.

Zwischen Pflicht, Verlust und Erinnerung – Herr Aue als Flakhelfer

Georg Aue war gerade 15 Jahre alt, als der Krieg ihn einholte. Ausgebombt in Hannover, mit der Mutter nach Lamspringe geflüchtet, erhielt er im Oktober 1943 Post: Er solle sich zur Aufnahmeprüfung an der Scharnhorst-Schule Hildesheim melden. Die Aufnahmeprüfung bestand er, und schon wenige Wochen später wurde er als Luftwaffenhelfer vereidigt.

„Ich war 15, als ich eingezogen wurde. Damals war das so. Wer nicht mitkam, hatte das Gefühl, etwas zu verpassen. Aber keiner wusste, was wirklich auf uns zukam.“

– Georg Aue

Kriegsalltag und Schule zwischen Alarm und Granaten

Der Tagesablauf war durchorganisiert: Früh geweckt, Wache, Bereitschaft, Übungen. Unterricht gab es, wenn kein Alarm war. Die Lehrer kamen aus Hildesheim in die Stellung, hielten unter freiem Himmel Unterricht über Biologie, Mathematik, oder Deutsch – wenn nicht gerade Voralarm war. Viele Lehrer wurden jedoch selbst eingezogen, der Unterricht fiel oft aus. Aue erinnert sich:

„Wir hatten zwei Jahre lang keinen Englischunterricht. Die Lehrer waren an der Front oder in der Rüstung. Aber wir sollten trotzdem Abitur machen.“

– Georg Aue

Flakstellung Reuterdamm – Ein technischer Krieg für Jungen

In Langenhagen am Reuterdamm lag die schwere Flakstellung1, in der Georg Aue diente. Dort lernte er, mit dem Entfernungsmesser (E-Messer), der Rädermechanik und der Seiten- und Höhenrichtvorrichtung umzugehen. Als Höhenrichtmann war es seine Aufgabe, das Ziel anzuwinkeln, die Flugbahn zu berechnen, und den Befehl zum Feuern weiterzugeben.

„Manchmal konnten wir die Maschinen im blauen Himmel schon sehen, bevor der Alarm kam. Wir wussten dann, das wird ernst.“

– Georg Aue

Der 26. November 1944 – Angriff auf Misburg und die „Ark Angel“

Die Formation aus 24 Maschinen kam bei klarem Himmel über Hannover. Die Stellung von Herrn Aue feuerte. Ob es „seine“ Batterie war, die die B-24 „Ark Angel“ traf, lässt sich nicht belegen. Doch er erinnert sich lebhaft an das Zerbersten von Maschinen, an Rauchspuren, an Abstürze im Nordosten von Hannover.

„Es war ein klarer Tag. Ich hatte das Ziel erfasst. Dann kam der Befehl: Feuer frei. Und dann haben wir gesehen, wie eine Maschine torkelte. Ich weiß bis heute nicht, ob es die Ark Angel war.“

– Georg Aue

Tote Freunde und das Verstummen der Jugend

Seine Klasse wurde ausgedünnt. Einige Freunde fielen noch als Flakhelfer. Zwei Verwandte von ihm starben in den letzten Wochen des Krieges: Einer am 17. Oktober 1944, der andere am 30. April 1945. Für Aue war das ein Einschnitt. Der Krieg war keine „Aufgabe“ mehr, sondern ein dauerhafter Abschied.

„Er war 16. Hätte er noch acht Tage überlebt, hätte er den Frieden gesehen.“

– Georg Aue über einen gefallenen Verwandten

Und danach?

Der Krieg endete für Herrn Aue nicht an einem Tag. Er schlug sich nach Hause durch, versteckte sich vor SS-Resttruppen und hoffte, nicht doch noch eingezogen zu werden. Erst Wochen später wurde ihm bewusst, dass nun Frieden war. Ein anderer Frieden als versprochen.

„Ich war kein Held. Aber ich war am Leben. Und das war genug.“

– Georg Aue

Heute erzählt Herr Aue seine Geschichte für die Jüngeren. Damit klar wird: Der Krieg machte keine Männer aus ihnen, sondern nahm ihnen ihre Jugend.

Wie oben angesprochen habe ich versucht, die prägnantesten Aussagen aus dem langen Gespräch wiederzugeben. Ich werde mittel- oder langfristig versuchen, alle Inhalte des Gespräches hier wiederzugeben. Auf diesem Wege noch einmal ein Dankeschön an Kim Gallop, die das Gespräch ermöglicht hat.

Thomas Pohl im November 2024


Im Gespräch mit Herrn Aue

  1. Am 27.09.1943 kamen durch Beschuss dieser Flakstellung 13 Schulkinder als Flakhelfer sowie 12 Flaksoldaten ums Leben. In Gedenken an dieses Ereignisses wurden dort ein Denkmal errichtet. (Verweis zur Seite der Stadt Langenhagen) ↩︎
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